Liebhaber der Genüsse

Sommelier Christian Heis

Im Winter auf den Tourenski. Im Sommer auf dem Bike. Egal ob Up- oder Downhill. Der Naturliebhaber und Whisky-begeisterte Christian Heis lebte sein Leben in vollen Zügen. Ohne Abstriche! Wie ihn eine Hirntumor-Diagnose veränderte, welche Bedeutung hinter seinem Lebensmotto «Gib deiner Seele Berge» steckte, was Heimat für ihn bedeutete und warum Sommelier für ihn mehr als nur eine Berufsbezeichnung war, genau auf diese Fragen gab uns Christian Heis Antworten. Im Sommer 2022 verlor Christian den Kampf gegen den Hirntumor. Wir blicken mit Respekt auf das Leben eines aussergewöhnlichen Samnauners zurück.

Von Cyrill Suter

 

Die Geschichte hinter der «langen Geschichte»

Fragte man den diplomierten Sommelier Christian Heis, wie er zu seiner Leidenschaft für exklusive Getränke aus aller Welt kam, schmunzelte er und sagt: «Das ist eine lange Geschichte.» Eine Geschichte, die von Tiefschlägen und Höhepunkten geprägt war.

Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte er eine Lehre in einem Samnauner Sportgeschäft als Sportartikelverkäufer. Später arbeitete er in verschiedenen Branchen, hat Uhren und Schmuck verkauft oder war zur Abwechslung auf dem Bau tätig. Eines Tages wurde er von seinem damaligen Chef angefragt, ob er Interesse hätte, im Astro einzusteigen. Der Inhaber suchte jemanden, der das Geschäft als Betriebsleiter führt. Da stand er nun – Mitte zwanzig und etwas ratlos, was da auf ihn zukommen würde. Bereits seit Jahren verkaufe das Astro Spirituosen, Tabak, Parfüm – also das klassisches Zollfreisortiment. Christian jedoch war wichtig, nicht einfach nur Gestelle aufzufüllen. Als sehr wissbegieriger Mensch interessierte ihn, was er verkaufe. Er wollte wissen, warum ein Getränk so schmeckt, wie es schmeckt. «Ich habe mich dann über Grappa, Rum, Cognac ins Thema Whisky verliebt». Daraufhin baute er mithilfe des Chefs das Whisky-Sortiment aus. Ab der Übernahme des Astros war Christian Tag für Tag bemüht, seine Gäste in die Welt der edlen Getränke zu entführen. Seine Berufung forderte ihn beruflich wie auch privat, deshalb schätzte Christian die Zeit in der Natur. Häufig war er mit seiner Partnerin oder Freunden in der Natur unterwegs, sei es für die sportliche Herausforderung oder zur Erholung.

«Gib deiner Seele Berge»

Schon immer war Christian naturverbunden und trieb bereits in jungen Jahren viel Sport. Rafting, Biken, Klettern – sich draussen bewegen war Alltag bei der Familie Heis. Das Bedürfnis, in die Natur zu flüchten, wurde Christian wohl in die Wiege gelegt. «Ich kann nicht lange ruhig sein, sonst werde ich ungemütlich. Es muss immer etwas laufen». Er liebte Reisen nach Kanada, Asien oder Europa und genoss die Zeit in Samnaun genau gleich. Es war ein Privileg für ihn, in Samnaun aufgewachsen zu sein. Die Berge stehen vor der eigenen Tür. Zudem bietet die Silvretta Arena Samnaun/Ischgl zu jeder Jahreszeit ein vielfältiges Angebot. Im Winter beim Skifahren und im Sommer mit grossartigen und abwechslungsreichen Trails mit dem Mountainbike. Er setzte sich  zusammen mit anderen Samnaunern für mehr Biketrails in Samnaun ein. Sie wollten das Angebot vergrössern, neue Projekte verwirklichen, bestehende Trails besser ausbauen und Samnaun so auch im Sommer für Gäste attraktiver machen und junge Leute hierherbringen.

«Samnaun bleibt Samnaun – für immer. Ich bin hier aufgewachsen und möchte hier bleiben. Für mich ist Heimat kein Ort, sondern ein Gefühl. Ein Gefühl von Sicherheit, Erinnerungen und Wohlfühlen. Und dieses Gefühl habe ich auch hier in Samnaun: Die Berge, die Natur, in der Kindheit mit Grosspapa auf der Jagd, mit den Eltern auf den Ski.» Ihm waren die Berge so wichtig, dass er sich dies sogar unter die Haut tätowiert liess: «Gib deiner Seele Berge». Das war sein Lebens-Motto. Jedoch hatte dies nicht nur mit seinen Hobbys zu tun, sondern mehr mit seiner bewegenden Lebensgeschichte, welche ihn in den letzten Jahren seines Lebens geprägt hat und dem Motto eine tiefgründige Bedeutung gab.

Eine Hiobsbotschaft bereits in jungen Jahren

«Ich erhielt 2014 eine Krebsdiagnose.» erzählte uns Christian. Er führte ein gesundes Leben: Fünf Mal in der Woche trieb er Sport, fast kein Alkohol, nie geraucht, ausgewogene und gesunde Ernährung. Umso grösser war der Schock, als er plötzlich bei der Arbeit beim Abräumen eines Tisches plötzlich zusammenklappte. Die Diagnose: Hirntumor.

Der Krebs hat ihn komplett aus der Bahn geworfen und sein Leben um 180 Grad gedreht. Ein Monat vorher noch hat er am Engadiner Bike-Marathon mitgemacht. Christian spürte keine Anzeichen. Plötzlich lag er nach einer zehnstündigen Operation am offenen Schädel völlig machtlos im Krankenbett. Ein happiges Jahr mit zig Chemo-Therapien folgten. Es ist ein seltsames Gefühl, nicht mehr fähig zu sein, etwas selbst zu machen. Einige hundert Autostunden verbrachte er mit hilfsbereiten Kollegen und Freunden, um von Samnaun nach Chur für die Bestrahlungen zu fahren. In genau dieser schwierigen Zeit waren Freunde und Familie umso wichtiger. Man merkt, wer wirklich zu einem hält.

Man lernt für sich und merkt, was essenziell fürs Leben ist. Man schätzt es wieder, gesund zu sein. Und doch sagte er sich immer: «Trink mal einen guten Wein, ein leckeres Essen. Geniess das Leben und verwehre es dir nicht!» Umso dankbarer war er für die schönen, hoffnungsvollen Jahre nach der Therapie. «Vielleicht unterscheidet mich das von anderen, dass der wirtschaftliche Erfolg für mich nicht das einzig Wichtige ist.»

Nach acht Monaten Krankheit war Christian psychisch wie physisch angeschlagen. Er hatte wegen der Chemo-Therapien 25 kg mehr auf den Rippen und stand mit nichts da. Doch nur einen Monat später kam der damalige Chef vom Astro Whisky & More auf ihn zu und sagte: «Wenn du wieder gesund bist und dich bereit fühlst, kannst du das Geschäft übernehmen». Zu diesem Zeitpunkt war das eine grosse Motivation und Ehre für ihn. Er hat darauf sein komplettes Leben umstrukturiert. Er wollte etwas aus seinem Leben machen.

Samnaun_Dorf_Herbst

Der Weg zum diplomierten Sommelier

Er wollte eine Selbstbestätigung, was er erreichen kann. Schon lange hatte er eine Leidenschaft für den Whisky und exotische Getränke aus aller Welt, doch seit seiner vergangenen Lebensgeschichte machte er es sich zur Berufung und begann eine Ausbildung zum Sommelier. Vielmehr aber war Sommelier eine Lebenseinstellung für Christian. Es waren nicht einfach Arbeitsstunden: Dem diplomierten Sommelier war es wichtig, dass jeder seiner Gäste sich nochmals umdrehte und dachte: «Es war schön». Egal ob er nur für einen Kaffee da war oder einen teureren Wein eingekauft hat.

Christian war viel unterwegs, bei Winzern, an Weinmessen oder an Blindverkostungen.  Dabei entdeckte er immer wieder spannende Getränke, die er mit nach Samnaun nahm. Er setzte auf eine gute Beratung und wollte  sein Wissen den Gästen weitervermitteln, damit sie erkannten, was sie für ein Produkt mit nach Hause nahmen. Der Naturliebhaber hat durch sein Sortiment und die professionelle Beratung begeistert. Man soll nicht am falschen Ort sparen, sondern mit dem richtigen Tropfen nach Hause gehen. Er wollte vielmehr Emotion und das Erlebnis dahinter verkaufen.  Als Diplom-Sommelier war Christian Heis nicht auf ein spezielles Getränk spezialisiert. Vielmehr weiss ein Diplom-Sommelier Bescheid über die Herstellungsarten der Getränke, die Zusammensetzungen der Rebsorten, der Böden, quasi die „Lebensbedingungen“ der Pflanze; beispielsweise ob die Pflanze in Meeresnähe steht und welche Auswirkungen diese Parameter auf das Getränk haben. An Tastings bei ihm konnten Gäste ihren Gaumen schulen, klassisch mit Whisky oder Wein, aber auch mit Gin, Rum und Edelbränden.

Christian war der dritte Sake-Sommelier der Schweiz. Sake ist ein japanisches, weinähnliches Braugetränk, das in der Schweiz noch nicht sehr bekannt ist. Doch für Christian war Sake ein hochinteressantes Getränk.

Die Suche nach dem passendsten Getränk

Food Pairing war eine weitere grosse Leidenschaft von Christian. Er mochte die Herausforderung, zu verschiedenen Speisen das passende Getränk zu kredenzen, mit dem Ziel, die Gäste positiv zu überraschen. „Komm als Gast und geh als Freund“ war für Christian Leitsatz und Motto zugleich. 

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